Phnom Penh, 25.06.2011 - Das also ist der Ort, an dem einst alles geschah. Alte Gebäude, aufgeplatzte Müllsäcke, verrostete Bänke, Reste eines Zauns, Unkraut wuchert neben riesigen Palmen, davor die Schnellstraße. Hier, mitten in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh, halten die Tuk-Tuk-Fahrer und lassen Touristen raus, damit diese sich in dem einstigen Foltergefängnis Tuol-Sleng umschauen können. Es ist heute ein Museum, das den Opfern des kommunistisch verbrämten Irrsinns gedenkt.
Vann Nath wurde in diesen Räumen von den Roten Khmer misshandelt – und der Maler ist kein Einzelschicksal. Von den mehr als 17.000 Tuol-Sleng Häftlingen überlebten nur sieben, vier sind mittlerweile verstorben. Der 65-Jährige gehört zu den letzten drei, die den Schrecken selbst erlebt haben.
Vann Nath sitzt in einem Hinterzimmer seines Restaurants in Phnom Penh und erzählt von dieser Zeit – ganz ruhig, lächelnd, fast schüchtern. Der Mann mit dem schlohweißem Haar, dem braungebranntem Gesicht trägt eine Schlafanzughose zum Hemd. Seine Beine wirken darin so dünn, als könne man mit zwei Händen einen Oberschenkel umfassen.
Der Bauernsohn aus dem Norden des Landes, der eine Ausbildung zum Maler absolvierte, arbeitete auf dem Feld, als er abgeholt wurde. Es war im Dezember 1977, als plötzlich eines der Kommandos der Roten Khmer vor ihm stand. Der Anführer behauptete, er habe gegen die Werte der Kommunistischen Partei verstoßen. Er wurde mitgenommen, mit Stromschlägen gefoltert und verhört. Für wen er arbeite, wurde er gefragt. Für die CIA? Vann Nath hatte noch nie von dem amerikanischen Geheimdienst gehört. Als er das sagte, wurde er weiter gefoltert. Daraufhin unterschrieb er ein Geständnis. Am nächsten Tag wurde er nach Tuol Sleng gebracht, das Foltergefängnis der Roten Khmer, das man auch unter dem Namen S21 kennt.
Bis heute weiß Vann Nath nicht, warum er mitgenommen wurde. Ob es eine Verwechslung war oder ein Versehen? Ob ihn irgendwer denunziert hat? Er hatte sich nie politisch engagiert oder Kritik an den Roten Khmer geübt. Warum also? "Ich weiß es einfach nicht." Vielleicht ist diese Frage auch sinnlos, wenn man an die fast zwei Millionen Opfer des Pol-Pot-Regimes denkt; etwa ein Viertel der Bevölkerung des südostasiatischen Staates wurde damals ermordet oder starb an Hunger und Erschöpfung. "Autogenozid" wird der Mord am eigenen Volk genannt.
Bisher wurde nur eine Person zur Rechenschaft gezogen: Kaing Guek Eav, besser bekannt als Duch, wurde im vergangenen Jahr zu 35 Jahren Haft verurteilt. Als sich Vann Nath und sein einstiger Peiniger vor Gericht wiedersahen, wollte Duch ihm seine Frage nach dem Warum nicht beantworten.
In Tuol-Sleng musste Vann Nath sich zunächst eine Zelle mit 30 anderen Männern teilen. "Wir stritten uns um die Käfer, die von der Decke fielen", erzählt er. An einem Tag in Februar führten ihn Wärter zum Gefängnischef Duch. "Stimmt es, dass du Maler bist", habe ihn Duch gefragt. Dann legte er dem Gefangenen das Foto eines Mannes vor, den er bis dahin noch nie gesehen hatte. Es war der Diktator Pol Pot, auch Bruder Nr. 1 genannt.
Obwohl geschwächt von dem Hunger, gequält von den Eisenfesseln an den Füßen, gedemütigt durch die Schläge der Wächter, verlor Vann Nath nicht seinen Überlebensinstinkt. Bei seinem ersten Porträt zitterten ihm noch die Hände, während Duch ihm dabei zuschaute. Fortan malte Vann Nath um sein Leben, immer wieder das gleiche Motiv: Porträts des Massenmörders, mal kleine, mal drei Meter hohe. Um ihn herum starben die Gequälten. Jeder Tag Leben war ein Erfolg.
Seine Bilder schmückten die Wände von Parteibüros und Versammlungshallen. Für seine Arbeit erhielt er eine Einzelzelle, regelmäßige Mahlzeiten und bessere Kleidung. Bis die Vietnamesen 1979 das Land von der Schreckensherrschaft befreiten. Duch konnte fliehen und wurde erst 1998 verhaftet – da war der einstige Folterchef als christlicher Missionar unterwegs. Quelle: zeit.de
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