Bern/Singapur, 16.08.2012 - Deutschland wirft Schweizer Banken vor, im grossen Stil unversteuerte Guthaben deutscher Bürger nach Singapur zu verschieben. Statistiken lassen eher das Gegenteil vermuten. «Es gibt keinen Kapitalabfluss vom Finanzplatz Schweiz nach Singapur», sagte CVP-Präsident und Nationalrat Christophe Darbellay diese Woche. Laut Nationalbank und Schweizer Banken, die in Singapur tätig sind, passiert eher das Gegenteil.
Der Präsident der Wirtschaftskommission des Nationalrats (WAK) nimmt mit diesen Worten zu deutschen Vorwürfen Stellung, wonach die UBS das Steuerabkommen mit Deutschland unterlaufe. Nach den jüngsten CD-Käufen durch das Bundesland Nordrhein-Westfalen wurde kolportiert, deutsche Steuerfahnder hätten eine Papierspur über die aktive Beihilfe der UBS für Abschleicher nach Singapur gefunden. Darbellay machte sein Dementi nach einer Orientierung der WAK durch Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf.
«Wir wissen nicht, woher diese Aussage kommt»
So eindeutig ist die Sache allerdings nicht. Stutzig macht vor allem der Hinweis auf die Nationalbank. Denn diese führt keine Statistik mit einer Aufgliederung der Kundendepots bei den Banken nach Ländern. «Wir wissen nicht, woher diese Aussage kommt», sagt Silvia Oppliger, Sprecherin der Schweizerischen Nationalbank (SNB).
Die Nationalbank erhebt vierteljährlich länderspezifische Daten bei den Banken für die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Die Auswertung und die Publikation besorgt die BIZ in Form einer globalen Statistik. Die SNB selber veröffentlicht monatlich Zahlen über den Bestand der Vermögen in den Wertschriftendepots der Banken. Hier wird nach in- und ausländischen Kunden, aber nicht nach Ländern unterschieden.
Vermögen deutscher Kunden in Singapur rückläufig
Die Aussagen Darbellays beziehungsweise die Information der Bundespräsidentin stützen sich vermutlich auf eine Reihe von Indizien und nur bedingt auf harte Zahlen. So hat man im Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) Bankauskünfte zusammengetragen und Statistiken analysiert. Die UBS selber machte diese Woche Angaben zur Entwicklung des Geschäfts in Singapur. Jürg Zeltner, Chef des Vermögensverwaltungsgeschäfts, sagte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters, sowohl die Zahl der von der UBS betreuten deutschen Kunden in Singapur wie auch die Höhe ihrer Vermögen seien seit 2009 rückläufig.
Die Nationalbank-Statistik zeigt bei den ausländischen Sparguthaben eine stabile Entwicklung. Auch die Zahlen über die Wertschriftendepots deuten bisher nicht auf einen markanten Geldabfluss wegen der Weissgeldstrategie hin. Die Vermögen ausländischer Privatkunden sind zwar seit 2010 stärker gesunken als jene der einheimischen Kunden. Dieser Umstand lässt sich aber zum Teil mit der Währungszusammensetzung und dem höheren Aktienanteil ausländischer Depots erklären.
Schweiz weiterhin Leader im Offshore-Geschäft
Auch die Beratungsfirma Boston Consulting Group attestiert der Schweiz eine stabile Entwicklung im grenzüberschreitenden Vermögensverwaltungsgeschäft. Demnach war die Schweiz mit verwalteten Vermögen in der Höhe von rund 2000 Milliarden Franken letztes Jahr nach wie vor klarer Leader im weltweiten Offshore-Geschäft. Quelle: 20min.ch