Studenten der HFT Luzern erforschen Kambodscha

Phnom Penh/Luzern, 26.05.2012 – In weniger als 20 Jahren hat sich Kambodscha von einem der gefährlichsten Kriegsländer zu einem friedlichen Touristenparadies mit jährlich 2,5 Millionen Besuchern entwickelt. Dieses kleine Wunder allein macht das südostasiatische Königreich zu einem höchst interessanten Forschungsobjekt für Tourismus- und Wirtschaftsexperten. 60 Studentinnen und Studenten der Höheren Fachschule für Tourismus (HFT) in Luzern verbrachten jetzt zehn Tage in der Touristenhochburg Siem Reap und in der Hauptstadt Phnom Penh, um mehr über Kambodschas erfolgreichen Image-Wandel und allen damit verbundenen Vorteilen und Gefahren herauszufinden.

„Die kulturellen, gesellschaftlichen und historisch zum Teil dramatischen Ereignisse Kambodschas bieten unseren Studierenden ein weites Feld für ihre Recherchen und somit beste Voraussetzungen für ein Intensivseminar”, sagt René Zeier, Leiter der HFT. „Hinzu kommen eine gute Infrastruktur sowie viele einheimische und zugewanderte Experten, die uns als hochkarätige Referenten unterstützen und unseren Blick auf den Tourismus in ganz Südostasien schärfen können.”

Wie schon das erste Seminar im Jahr 2011, wurde auch die zweite Exkursion von der Schweizer Agentur Lolei Travel organisiert. Sie wurde vor 15 Jahren vom Schweizer Staatsbürger Peter Lietz gegründet und wird heute von seiner kambodschanischen Ehefrau Makara Lietz-Ren und dem Schweizer General Manager Sven Zika geleitet. Lolei Travel kooperierte mit dem Schweizer Reiseanbieter „Kambodscha direkt”, dessen Gründer Andy Kuhn das Königreich wegen seiner „Ursprünglichkeit und weltberühmten Sehenswürdigkeiten” schätzt, aber zugleich auch „Schwachpunkte” sieht, „die es für Studierende umso interessanter macht, das Hotel zu verlassen und dieses Land und seine Kultur zu erforschen.”

Die Schweizer Gäste verwandelten das Hotel Raffles Grand d’Angkor einen Tag lang in einen noblen Hörsaal und lauschten den Vorträgen diverser Geschäftsleute, Geistlicher, Journalisten und Künstler. Darunter waren der Franzose Alan Brun, Geschäftsführer der Organisation Artisans d’Angkor, die seit Jahren erfolgreich das kambodschanische Kunsthandwerk pflegt und vor allem benachteiligten Familien Ausbildung und Aufträge gibt. Mönche des Klosters Wat Damnak brachten den Studierenden die Ideale des Buddhismus nahe, Tänzerinnen der Apsara Schule in Siem Reap führten die tausend Jahre alte Ballettkunst des Khmer-Reiches vor. Der Schweizer Auswanderer Paul Wallimann präsentierte sein Restaurant Haven in Siem Reap, in dem er und seine Frau Sara jungen Erwachsenen, die in Waisenhäusern groß geworden sind, eine Ausbildung zum Koch oder Kellner ermöglichen.

Der Schweizer Honorarkonsul Pierre Tami hieß seine jungen Landleute in Kambodscha willkommen und nannte es „noch immer eines der besten Länder, um sich dort niederzulassen”, weil die Gründung eines eigenen Betriebes oder einer unabhängigen Hilfsorganisation „sehr viel leichter möglich” sei „als in anderen asiatischen Ländern”. Allerdings sind die Bilanzen ausbaufähig: 15.000 Schweizer Touristen besuchen Kambodscha pro Jahr, 250 („davon zwei im Gefängnis”) sind mit festem Wohnsitz in Kambodscha registriert und arbeiten für Hilfsorganisationen, in der Tourismusindustrie oder sind bereits pensioniert.

Die Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern sind erst ein halbes Jahrhundert jung und noch nicht besonders umfangreich: Kambodscha importiert aus der Schweiz pro Jahr Waren im Wert von circa 5 Millionen US-Dollar, vorwiegend Medikamente, die Schweiz kauft aus Kambodscha jedes Jahr Waren im Wert von circa 36 Millionen US-Dollar, vorwiegend Jeans-Hosen, Hemden, Schuhe und Regenschirme. Während das Unternehmen Nestlé sein Werk in Phnom Penh vor wenigen Jahren wieder schließen musste, weil oft die gleichen Produkte aus Thailand nach Kambodscha geschmuggelt und günstiger angeboten wurden, plant der Schweizer Luxusuhrenhersteller Rolex für 2013 eine neue Niederlassung in Kambodscha. Auch der Aufzug-Hersteller Schindler wirft ein Auge auf Kambodscha, seit vor allem in der Hauptstadt Phnom Penh die Zahl der Hochhäuser stetig wächst.

Aktuell sind die Schweizer im Königreich vor allem als großzügige Spender bekannt: Circa 20 Millionen US-Dollar Spenden sammelt Dr. Beat Richner, „Schweizer des Jahres 2003” jedes Jahr für seine Kinderkrankenhäuser in Phnom Penh und Siem Reap, in denen Kinder bis 15 Jahren kostenfrei behandelt werden. Eine weitere Spende von 2 Millionen US-Dollar floss vor wenigen Jahren in die Restaurierung der beeindruckenden Tempelanlage von Banteay Srei, circa 25 Kilometer vom Weltkulturerbe Angkor Wat entfernt.

Nach Pierre Tamis Angaben will die kambodschanische Regierung im Jahr 2020 bis zu sieben Millionen Touristen empfangen. Um dieses große Ziel zu erreichen, seien jedoch viele tausend Fachkräfte nötig, an denen es dem Land aktuell mangelt. „Viele sehen den Ökotourismus in unerschlossenen Provinzen wie Rattanakiri und Mondulkiri als Schlüssel zum Erfolg, aber wir können die Touristen nicht einfach mit Fallschirmen über Dschungelgebieten abwerfen, wenn es dort keine Infrastruktur und keine Unterkünfte mit geschultem Personal gibt”, warnte der Honorarkonsul. Umso wichtiger sei der baldige Aufbau von internationalen Akademien für Tourismus und Gastronomie, in denen – auch mit ausländischer Hilfe – zukünftige Chefköche, Rezeptionisten, Kellner und Zimmermädchen ausgebildet werden.

Das Sightseeing-Programm der HFT Luzern umfasste die Klassiker wie Angkor Wat, den für seine überdimensionalen Buddha-Gesichter berühmten Tempel Bayon und den vom Dschungel überwachsenen Ta Prohm sowie eine halbtägige Bootstour auf dem Tonle Sap See zum urigen Fischerdorf Kampong Kleang. Einige Gruppen, die sich mit kritischen Themen wie der Landminenproblematik oder dem Grenzkonflikt Kambodschas mit Thailand auseinandersetzten, besuchten auch den abgelegenen Dschungeltempel Beng Mealea und den vor einem Jahr blutig umkämpften Bergtempel Preah Vihear.

Bei der Besichtigung von Phnom Penh wurden auch Orte wie das ehemalige Foltergefängnis „S-21” oder die Killing Fields von Choeung Ek nicht ausgespart, auf denen die Roten Khmer unter Diktotor Pol Pot bis zu 17.000 Menschen hinrichteten. „Wir wollten die dunkle Seite der kambodschanischen Geschichte nicht aussparen”, sagt Seminarleiter Manfred Ritschard, der die Studierenden mit vier weiteren Dozenten der HFT auf vielen Exkursionen begleitete. „Tourism in Siem Reap und Phnom Penh bedeutet eben nicht nur faszinierende Tempel und luxuriöse Wellness Hotels, sondern auch eine emotionale Begegnung mit den Spuren von Völkermord und Bürgerkrieg.”

Nach einer Woche stellten die 60 Studierenden die Ergebnisse ihrer Arbeit im deutsch-kambodschanischen Kulturzentrum Meta House des Berliner Filmemachers Nico Mesterharm vor. Als vorherrschende Meinung kam dabei zum Vorschein: „Reisende sollten Kambodscha nicht weiterhin als kleines Anhängsel an einen Thailand- oder Vietnam-Urlaub betrachten, sondern zwei bis drei Wochen einplanen, um die vielen verborgenen Schätze des Landes jenseits von Angkor Wat würdigen zu können.”

Die Gruppen empfahlen Trekkingtouren in den vielfältigen Nationalparks, forderten aber eine bessere Ausbildung für die dortigen Ranger. „Unser Guide sprach kein Englisch, wodurch der Informationswert auf null sank”, beschwerte sich ein Student. „Noch schlimmer: Wir fanden Spuren von illegalem Holzschlag und Wildereien, die offenbar von den Rangern selbst begangen werden, weil sie von ihrem 50-Dollar-Gehalt nicht überleben können.”

Viele Studierende verloren ihr Herz an die 430 Kilometer lange Küste Kambodschas, die an den Golf von Thailand grenzt. Sie rieten zu günstigen Strand- und Tauchurlauben im touristisch bereits erschlossenen Sihanoukville, zu kaum finanzierbaren Luxusaufenthalten im gerade eröffneten Song Saa Island Resort oder zu „Natur pur” in den abgelegenen Mangrovenwäldern der Provinz Koh Kong.

„Der Süden des Landes bietet für jeden Urlauber etwas, aber leider weiß das kaum jemand”, betonten die Studierenden in ihren Vorträgen und kritisierten, dass es Kambodscha sowohl in der Schweiz als auch in den meisten anderen Ländern an einer offiziellen Tourismusvertretung fehle. „Andernfalls wären mehr Reisende über die erstklassigen Wellness Hotels oder Tauchtouren informiert, die der Konkurrenz aus Thailand in nichts nachstehen, aber in vielen Fällen deutlich günstiger sind.”

Einige Studentinnen suchten in Kambodscha nach Meditations- und Yoga-Angeboten, fanden aber weniger als eine Handvoll. „Wer einige Tage und Nächte durchgehend in einem Kloster oder in einem Ashram verbringen möchte, muss leider nach Sri Lanka, Laos oder Myanmar ausweichen, weil es in Kambodscha keine Angebote gibt”, lautete das Fazit der Gruppe, die auch gleich eine Erklärung lieferte: „Die Roten Khmer töteten viele Mönche und zerstörten ihre Klöster. Weil es statt der damals 50.000 Mönche heute nur noch circa 3000 Mönche in Kambodscha gibt, ist der Buddhismus nicht mehr so tief in der Gesellschaft verwurzelt wie zum Beispiel im Nachbarland Laos.”

Golfspieler können sich in Zukunft auf so manchen guten Abschlag in Kambodscha freuen. Die aktuell wenigen Plätze in Siem Reap und Phnom Penh, die internationalen Standards gerecht werden, sollen in naher Zukunft um zehn weitere ergänzt werden, von denen sich bereits drei Plätze im Bau befinden. „Der Anreiz, neue Spieler ins Land zu holen, ist für Agenturen in Kambodscha und auch im Ausland groß”, ermittelten die Studenten. „Immerhin zahlen die Betreiber der Golfplätze aktuell bis zu 20 Prozent Kommission für die erfolgreiche Vermittlung von Golfurlaubern, die bislang eher Thailand als Destination gewählt hatten.”

Die HFT Luzern brachte eine weitere gute Nachricht für Sportler in Erfahrung: Die japanischen Organisatoren des jeweils Anfang Dezember ausgerichteten Benefiz-Halbmarathons rund um Angkor arbeiten fieberhaft an einem „echten” Marathon, der mehr als 42 Kilometer an den historischen Tempeln entlangführen soll. Ein Grund mehr für Spitzensportler, Kambodscha künftig einen Besuch abzustatten.

Mit dem Abschied von Phnom Penh, den die Studierenden und ihre Dozenten mit einer Dinner Cruise auf dem Mekong feierten, ging das Versprechen einher, im Jahr 2013 erneut Kambodscha zu bereisen. „Ja, wir wollen mit 60 Studenten den nächsten Jahrgangs zurückkehren”, bestätigt Seminarleiter Manfred Ritschard. „Dies umso mehr, als wir dann den 50. Jahrestag der Handelsbeziehungen zwischen Kambodscha und der Schweiz feiern können. Unser Honorarkonsul Pierre Tami hat uns um Unterstützung gebeten, und die HFT Luzern empfindet es als Freude und Ehre, viele der damit verbundenen Reisen und Feierlichkeiten mitorganisieren zu können.”

Informationen über Kambodscha

Kambodscha ist ungefähr viereinhalb mal so groß wie die Schweiz und grenzt an Vietnam, Laos, Thailand und im Süden an den Golf von Thailand. Das südostasiatische Königreich hat 14 Millionen Einwohner. Rund 95 Prozent bekennen sich zum Theravada-Buddhismus. Staatsoberhaupt der konstitutionellen Monarchie mit einer gewählten Regierung ist Ministerpräsident Hun Sen, König Norodom Sihamoni erfüllt vorwiegend repräsentative Aufgaben.

Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen der Kambodschaner liegt bei durchschnittlich 310 US-Dollar. Damit gehört Kambodscha zu den ärmsten Ländern der Welt. Die wichtigsten Wirtschaftszweige sind die Textilindustrie und der Tourismus, letzterer vor allem in der Region Siem Reap, die mit dem Unesco-Weltkulturerbe Angkor Wat (1110 bis 1150) und vielen weiteren Tempelanlagen bis zu 2,5 Millionen Besucher pro Jahr lockt.

Kriege und Hungersnöte ließen vom ehemaligen Khmer-Imperium, das sich im 12. und 13. Jahrhundert über große Teile Asiens erstreckte, nur noch ein kleines Territorium übrig, das 1867 zum französischen Protektorat und später zur Kolonie wurde. König Norodom Sihanouk erkämpfte Anfang der 50er Jahre die Unabhängigkeit Kambodschas und machte das Land zur „Perle Asiens“ und die Hauptstadt Phnom Penh zu einer modernen Außenstelle von Paris.

Die Roten Khmer um „Bruder Nummer 1“ Pol Pot eroberten in den 70er Jahren erst das Land und 1975 die Hauptstadt Phnom Penh, die sie in nur zwei Tagen komplett räumten. Für ihre Vision des „Steinzeitkommunismus“ töteten sie Intellektuelle und Geistliche, zerstörten Universitäten, Klöster und Banken und machten aus Kambodscha ein riesiges Arbeitslager, in dem die Menschen in schwarzer Einheitskleidung Reis anbauen und Stauseen erschaffen sollten.

Die Vietnamesen befreiten Phnom Penh 1979 und hielten Kambodscha zehn Jahre besetzt. Der nachfolgende Bürgerkrieg, in dem mehr als 10 Millionen Landminen verlegt wurden, sollte 1991 bei einem Friedensschluss in Paris beendet werden. Doch auch die zwei Milliarden US-Dollar teure Mission von 22.000 UN-Blauhelm-Soldaten brachte nicht die erhoffte Wirkung. Erst das Amnestie-Versprechen von Ministerpräsidenten Hun Sen an die Adresse aller Roten Khmer führte 1997 zum Waffenstillstand. Bis heute leidet das Land unter Armut, Arbeitslosigkeit, Korruption, Landminen und Umweltverschmutzung. Quelle: TourismusNews